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Grenzgänger zwischen Politik und Sport

Eberhard Gienger

im Gespräch

Im Einladungsschreiben zu dieser Veranstaltung war er angekündigt als Mitglied des Bundestages, Mitglied im Nationalen Olympischen Komitee Deutschlands, als Weltmeister am Reck und zigfacher Europa- und Deutscher Meister im Kunstturnen und Fluchthelfer. Als er kam, war er am Sonntag zuvor zum Vizepräsidenten des Deutschen Turner-Bundes gewählt worden. Für unseren Ortsverband war seine Zusage natürlich eine große Ehre. Verstärkt durch Berliner ATVer wie den Vorsitzenden des ATV zu Berlin Hartmut Köhler und durch den Aktiven-Vorort harrten wir gespannt dem Vortrag.

Doch im Restaurant "KanzlerEck" im Bundestagsviertel mahnten uns von den Wänden die strengen Augen von Konrad Adenauer, Willi Brandt und Helmut Kohl, Geduld zu zeigen. Die Abstimmungen zur Haushaltswoche im Bundestag verzögerten sich und mit ihnen die Ankunft von Eberhard Gienger. Doch dann war es soweit und niemand sollte sein Kommen bereuen. Auf eine Stunde war das Gespräch vereinbart, zwei Stunden nahm sich der frischgebackene Vizepräsident des DTB Zeit. Am Ende der Veranstaltung mußte man sich ernsthaft die Anschaffung einer digitalen Videokamera überlegen. Denn nur über das Einstellen eines Filmes könnte den Lesern Wortwitz, turnerische Einlagen und zahlreiche Anekdoten näher gebracht werden. So können die folgenden Auszüge nur einen müden Abklatsch bieten.

Eberhard Gienger, mit 52 Jahren einer der Politik-Newcomer in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, ist Experte für Punktlandungen. 3.000 Absprünge mit dem Fallschirm weist seine Statistik auf. Der Mann aus Künzelsau in Baden-Württemberg mag das Spektakuläre. Er hat als "Turn-Fallschirmspringer" unter einem fliegenden Hubschrauber an einem fest montierten Reck in 2.000 Meter Höhe Riesenfelgen geturnt und mit elf Salti und dazu noch einer halben Schraube, um die Rotation zu stoppen, den freien Flug gewagt. Danach hat er den Fallschirm geöffnet. Sein Sprung vom Berliner Fernsehturm aus 210 Meter Höhe mutet da fast langweilig an. Seine Existenz verdankt er auch dem Sport. Auf die Frage an seinen Vater, wie er denn die Mutter kennen gelernt habe, kam die Antwort: "Beim Keulenweitwurf - nur eine warf weiter als ich, Deine Mutter." Auch seine Turnkarriere hatte eher ungewöhnliche Gründe. Bei seiner Einschulung wurden zahlreiche körperliche Auffälligkeiten festgestellt  - vom Plattfuß bis zum "krummen Rücken" sei alles dabei gewesen. Dies habe geheißen - ab zu Sonderturnstunden.


Gerhard Harms, Eberhard Gienger (beim Signieren einer Genesungskarte an den Vorsitzenden des ATB), Dr. Jörg Krämer

Zwar nicht spektakulär, aber doch mit einer phantastischen Punktlandung zog Eberhard Gienger im Herbst 2002 in den Deutschen Bundestag ein. Er jagte Staatsminister Hans-Martin Bury im Wahlkreis Neckar-Zaber das Direktmandat ab. Der Quereinstieg gelang mit prominenter Schützenhilfe. Matthias Wissmann, Ex-Bundesminister, fragte Gienger 2001, ob er sich ein Mandat im Bundestag vorstellen könne. Giengers Zusage kam nach längerer Bedenkzeit und mehreren Gesprächen mit seiner Familie. "Ich habe mich immer schon für Politik interessiert und mich als Privatperson und Unternehmer auch über einige Gesetze geärgert. Wenn man eine Chance bekommt, aktiv an der Gestaltung der Rahmenbedingungen unseres Landes mitzuwirken, sollte man sie auch nutzen", begründet Gienger seine Entscheidung. Ein konkreter Auslöser seines Ärgers sei das damalige Gesetz der Regierung Schröder über die so genannte Scheinselbständigkeit gewesen. Dies mußte sie zwar mittlerweile fast gänzlich zurücknehmen, aber seine Erfahrungen zeigen dann doch die Bodenhaftung des Politikneulings, der erst 2001 in die CDU eintrat: "Idealistische Vorstellungen müssen den Realitäten weichen und ins Durchsetzbare übertragen werden."

In seinem Fachgebiet hat sich der Politiker Gienger die Förderung des Spitzensports zum Ziel gesetzt. "Defizite sehe ich vor allem im Übergang vom Jugend- in den Aktivensport, bei der beruflichen Absicherung, dem Erhalt, Aufbau und Ausbau eines Stützpunkt- und Nachwuchssystems sowie durch das Wegbrechen der finanziellen Unterstützung durch Kommunen und Länder." Da Gienger selbst ein überzeugter Ehrenamtler ist, überrascht es nicht weiter, daß er sich für die Stärkung des Ehrenamtes in den Vereinen stark macht. Für den Abgeordneten kann das Ehrenamt im Breitensport dann noch besser gefördert werden, wenn sich die Philosophie stärker durchsetzen würde, "weg von der Ich- und hin zur Wir-Gesellschaft". 

Eigentlich dürfte ja einen Tausendsassa wie Eberhard Gienger, der auch international im Sport schon so viel erreichte, nichts so schnell aus der Fassung bringen. Doch bei seiner Jungfernrede im Deutschen Bundestag wurden ihm bei seinen letzten Schritten zum Rednerpult die Knie noch einmal weich: "Das Herzklopfen war vergleichbar mit dem Wettkampf bei den ersten Weltmeisterschaften." Inhaltlich ging es um Sport und das Thema Doping. Um den Kampf des Staates gegen das Doping zu intensivieren, sieht Gienger die Unterstützung der Nationalen Doping-Agentur (NADA) und der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) durch mehr finanzielle Mittel als eine Voraussetzung an. Auf die Frage, warum es überhaupt so schwierig ist, das Doping-Problem im Spitzensport in den Griff zu bekommen, hält er fest: "Die Kontrolle hinkt der Forschung immer hinterher. Und die Schwelle der Sportler zum Unrechtsbewußtsein beziehungsweise zum Betrug sinkt." Sein persönliches Doping sei im übrigen bis heute nicht nachweisbar - die hübschen Frauen auf der Zuschauertribüne. Das wohl verrückteste Doping kam bei den olympischen Spielen in Montreal als so genanntes "technisches Doping" zum Einsatz. Schwimmern wurde Helium in den Allerwertesten geblasen. Dadurch lag ihr Körper höher im Wasser, was Zeitgewinn bedeutete. Was in der Erprobung im Heimatland wohl noch Ergebnisse zeigte, erwies sich im Wettkampf doch als "laues Lüftchen". Denn die Sportler hatten von der Präparierung bis zum Startblock eine lange Strecke zurückzulegen. Auf dem Weg verflüchtigtes sich auch dieses Gas weitgehend.

Um seine Fitness trotz des Sitzungsmarathons eines Abgeordneten nicht zu verlieren, geht Eberhard Gienger kürzere Strecken zu Fuß oder schwingt sich aufs Kickboard. Er spielt in der Fußballmannschaft des Bundestages und turnt gelegentlich mit einer Gruppe in Berlin. Darauf, wieviele punktgenaue Landungen dem politischen Quereinsteiger außerhalb des Sports gelingen, darf man gespannt sein. Für Überraschungen ist Gienger aber immer gut. So wie 1999, als öffentlich wurde, daß er 1975 am Rande der Kunstturn-Europameisterschaften in der Schweiz seinem schärfsten Konkurrenten, dem DDR-Meister Wolfgang Thüne, zur Flucht in den Westen verhalf. Er tarnte ihn als Partner seiner heutigen Frau auf dem Rücksitz seines Autos.

Daß die Politik nicht trennt, was der Sport verbindet, zeigte sich an diesem Abend. Trotz einiger kritischer Anmerkungen Eberhard Giengers - die Haushaltswoche im Bundestag bot genügend Anlaß - in die andere politische Richtung, trat Dr. Jürgen Linde - einst Kanzleichef unter dem damaligen Ministerpräsidenten Stolpe - dem OV bei. Gespannt darf man auf die nächste Begegnung zwischen Eberhard Gienger und dem ATB sein - er hat versprochen, auf dem ATB-Kommers bei DTB-Fest 2005 die Festrede zu halten.

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