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Das Olympia-Stadion in Berlin kennt fast jeder, das Olympische Dorf nur
wenige - zu Unrecht. Dies änderten wir für den OV Berlin mit einer Führung
an einem der wenigen schönen Sommertage im Juni.
Das Olympische Dorf wollte man als erholsame Oase, fernab des Trubels,
gestalten. Ein passendes, 540 km2 großes Gelände fand man unweit westlich
von Berlin, auf einem von der deutschen Wehrmacht zur Verfügung gestellten
Gelände - Hausherr war damit der Reichkriegsminister.

Große Mengen Erde wurden bewegt, um einen oberen und einen unteren
Dorfteil, Hügel und einen See anzulegen. Um diese künstliche Natur zu
beleben, ließ man eine große Zahl von Wasservögeln und -tieren aus dem
Berliner Zoo herbeischaffen.
Mit Hilfe der Heeresverwaltung entstanden nun rund 150 Gebäude. In den bis
auf fünf alle einstöckigen 140 Wohnquartieren, die alle nach einer
deutschen Stadt benannt wurden und die jeweilgen Wappen trugen, sollten
3.738 ausschließlich männliche Sportler wohnen - die 328 Sportlerinnen
brachte man in direkter Stadionnähe unter. Während der Spiele stellte sich
heraus, daß inklusive des Begleitpersonals wesentlich mehr Plätze, nämlich
über fünftausend, benötigt wurden. Diese ursprünglich offenbar nicht
eingeplanten Personen brachte man in den ebenfalls neu errichteten
Kasernenblöcken außerhalb des Dorfes unter. Diese Bauten sind heute
renoviert und dienen als Mehrfamilienhäuser.
Neben der landschaftlichen Gestaltung hatte man natürlich noch weitere
Anstrengungen unternommen, damit die Sportler sich möglichst wohl fühlten
- sicherlich nicht zuletzt auch als Werbung für das damalige
Nazi-Deutschland. Am Ufer des Sees befand sich eine kleine finnische
Sauna, oberhalb auf einem Hügel eine runde Bastion mit der Funktion eines
Terassen-Cafés. Im Hindenburghaus, einem zweistöckigen Bau mit Trainings-
und Funktionsräumen, befand sich ein großer Theatersaal, in dem Konzerte
Tanz-, Theater- und Filmvorführungen stattfanden. Direkt an der
Reichsstraße nach Hamburg (heutige B5) lag das viertelkreisförmige
Empfangsgebäude, das heute leider nicht mehr steht. Hier waren neben
Empfang und Verwaltung auch die "Halle der Nationen", eine Gaststätte,
Aufenthaltsräume, Bank, Post und andere Infrastruktur untergebracht.
Zentraler Punkt der Dorfanlage war aber das "Speisehaus der Nationen", in
dem es 38 Küchen und Speiseräume für alle Mannschaften gab. Trotzdem mußte
in zwei Schichten gegessen werden. Der Bau war so angelegt, daß von der
obersten der drei terassenartig angelegten Etagen das Olympiastadion zu
sehen war. In diesem ellipsenförmigen Bau mit Innenhof befand sich auch
das Heiz- und Kraftwerk, Kühl- und Vorratsräume, Garagen und Werkstatt
sowie die dorfeigene Feuerwehr.
Natürlich hatte man auch Trainingsmöglichkeiten vorgesehen - jeweils mit
echten Wettkampfmaßen, wie man sie im bzw. am Olympiastadion vorfand.
Nördlich des Sportplatzes mit Aschenbahn befand sich die Turn- bzw.
Sporthalle, südlich davon die Schwimmhalle mit 25m-Bahnen. Dieses Gebäude
verfügte über elektrisch hebbare Fenster - damals eine echte Sensation.
Leider wurde das Dach der Schwimmhalle in den 1990er Jahren von
Jugendlichen angesteckt.
Das gesamte Dorf war auch während der Spiele umzäunt und bewacht. Strenge
Zugangsregelungen legten fest, wer hinein durfte. Frauen durften nicht auf
das Gelände, aber offenbar gab es doch einige Ausnahmen oder "Mittel und
Wege". Die Bevölkerung durfte nur ein einziges Mal an einem Tag der
offenen Tür vor dem Begin der Sommerspiele einen Blick hinein werfen - es
sollte die letzte Möglichkeit bis nach der Wende Anfang der Neunziger
sein.
Eine der Maßgaben beim Bau bestand darin, daß das Nutzungsrecht an allen
Bauten sofort nach den Sommerspielen an die Wehrmacht übergehen sollte,
deshalb wurden zum ersten Mal auch ein Olympisches Dorf in Massivbauweise
ausgeführt. Nach dem Krieg wurde es kurz als Gefangenenlager und
Flüchtlingslager benutzt. 1947 zog die Sowjetarmee als neuer Hausherr ein.
Die Skulpturen und Reliefs wurden entfernt, Wandmalereien übertüncht und
teilweise durch eigene, nicht weniger propagandistisch angehauchte,
ersetzt. Nach und nach wurden immer mehr der Wohnhäuser abgebrochen und
durch "moderne" Plattenbauten ersetzt.
Als die Sowjets 1992 abzogen, hinterließen sie das Gelände zwar nicht im
allerbesten Zustand, mit dem heutigen war er allerdings gar nicht
vergleichbar. Jahrelange Plünderungen und Vandalismus haben deutliche
Spuren hinterlassen. Heute stehen die Bauten unter Denkmalschutz. Die
gärtnerischen Anlagen sind vollkommen verwildert, der See längst
verlandet. Der Aufbau geht nur langsam voran. So wurde das (vermutliche)
Wohnhaus von Jesse Owens restauriert. Trotzdem hätte die Anlage mehr
Zuspruch verdient. Sie vermittelt immer noch den Geist des friedlichen
Miteinander im Wettkampf - der olympische Idee konnte von keinem der
späteren Nutzer vertrieben werden.
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